Der spirituelle Wettkampf

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„Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit“, sagte Schiller. Und über dieses Thema zu diskutieren ist wahrlich notwendig geworden.

Mehr und mehr Menschen begeben sich auf einen spirituellen Pfad, einen Pfad des persönlichen Wachstums. Es ist der Pfad der Selbst-Erkenntnis, der oft vom Ego in immer edler werdenden Formen begleitet wird. Und wenn du dich fragst, ob du auf deiner spirituellen Reise frei vom Ego bist, dann kann dir dieser Text vielleicht helfen, eine Antwort zu finden.

Ich falle mal einfach mit der Tür ins Haus: Spiritualität ist kein Wettkampf! Auch kein Trend, auf den man einfach aufspringt und so lange mitmacht, wie der Trend IN ist. Es geht nicht darum Kristalle zu sammeln und Räucherstäbchen anzuzünden, es geht nicht um Workshop-Hopping, von einer Ayahuasca-Zeremonie zur nächsten zu rennen, möglichst viele Bücher zu lesen oder Zertifikate zu sammeln. Und es geht niemals darum spiritueller zu sein, als jemand anderes.

Als ich den ersten Reiki-Grad absolvierte, das erste mal Energiefelder spürte und mich mit Reiki selbst behandelte, da dachte ich „Wow! Wie gut das tut. Niemand muss mehr krank sein.“ Und ich freute mich darauf Freunde, die Familie und Bekannte zu behandeln. Auch die Erfolge waren großartig, viele fühlten sich nach einer Reiki-Behandlung deutlich erholter, waren ausgeglichen und zentriert, frei von Schmerzen oder erlebten Erkenntnisse, die ihnen in schwierigen Lebensphasen halfen.

Ich wollte viele Menschen behandeln, weil mir auch die Reaktionen gefielen. Natürlich fühlt es sich gut an anderen Menschen zu helfen und deren Freude zu spüren. Allerdings war das immer eine schmale Gradwanderung zwischen bedingungslosem Helfen und Hilfe für mein Ego. Ich musste mir oft die Frage stellen, ob ich Klienten behandeln wollte, um ihnen zu helfen – oder ob ich nur selbst eine Bestätigung spüren wollte, dass ich „tolle Fähigkeiten“ habe. Ja, das ist die Realität mit der sich jeder Mensch in seiner Tätigkeit auseinanderzusetzen hat. Der spirituelle Pfad ist nichts anderes, als sich ehrlich und aufrichtig selbst zu hinterfragen.

Beim Reiki wird dies sehr deutlich: Wer hier denkt, dass ER derjenige ist, der mit seinen Fähigkeiten andere heilt, der vergisst dabei, dass er nur den Kanal zur Heilung darstellt, nicht aber die Energie selbst. Um es mal sachlich zu formulieren: Die vollständige Heilung kann nur durch den Erkrankten selbst geschehen, indem er wieder die Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt. Der Reiki-Therapeut heilt niemanden! Er gibt Impulse und begleitet den Klienten.


Beudetet Spiritualität sich selbst zu finden?

Oft sind wir der Auffassung eine weite Reise antreten zu müssen, um uns endlich selbst zu finden. Eine Reise in der Außenwelt (so nenne ich es mal) zu unternehmen ist schön und ich bezweifle auch nicht, dass einige während einer Reise näher an ihren Wesenskern gelangt sind. Doch das ist dann nicht hauptsächlich geschehen, weil sie in ein anderes Land gefahren sind, sondern eher, weil sie in sich selbst gegangen sind.

Eine Reise in eine noch unbekannte Umgebung kann kurzfristig helfen, die innere Stimme, die immerzu redet, verstummen zu lassen, da eine unbekannte Umgebung die Präsenz im Hier & Jetzt erhöht. In einer neuen Umgebung sind wir gezwungen zu erkunden, wachsam zu sein, wir entdecken und erleben dadurch intensiver. So lange wir von Neuem Umgeben sind, hören wir auf, uns mit den alltäglichen Sorgen, die uns als Gedanken durch den Kopf schwirren, zu befassen. Wir hören für eine Zeit lang auf zu denken. Doch wenn die neue Umgebung zur Routine wird, dann setzen dieselben Gedankenmuster wieder ein, die wir auch zu Hause hatten.

Für die meisten Menschen ist es nicht möglich, ihr gesamtes Leben lang ständig den Ort zu wechseln, um ständig neue Reize zu setzen. Doch darauf kommt es auch nicht an. Denn einen Ort zu verlassen, weil man dort nicht zu sich selbst findet, gleicht einer Flucht. Denn wir merken, dass es nicht primär die neue Umgebung ist, die uns von den quälenden Gedanken befreit, sondern dass die befreiende Kraft in der Präsenz im Hier & Jetzt zu finden ist. Stell dir doch selbst einmal die Frage: Ist meine Reise in der Außenwelt die Flucht der Reise zu mir selbst? Renne ich vor mir selbst davon?

Viele Menschen suchen auch nach einer Erleuchtung und besuchen dazu Klöster, Tempel oder träumen davon, einen Berg zusammen mit einem Mönch zu besteigen. Andere Menschen können uns inspirieren, sie können uns z.B. in eine Meditationspraxis einweihen oder ihre Ernährungsriten mit uns teilen. Andere Menschen können uns helfen, unsere Anbindung an die geistige Welt wieder zu spüren, mit ihren Gedanken und Verhalten inspirieren oder uns an ihrer Lebenserfahrung teilhaben lassen. Doch niemand wird uns die eigenen Aufgaben abnehmen.

Und hier kommen wir zum Kern der Spiritualität. Es geht nicht um Konkurrenz. Auf der höchsten, göttlichen Ebene sind wir alle eins. Sowie wir körperlich gesehen alle Teil einer großen Menschheitsfamilie sind. Wir stammen aus derselben Quelle, die uns schöpfte, die uns versorgt und immer umgibt. Doch hier auf Mutter Erde, während unserer irdischen Lebenszeit, haben wir unsere persönlichen Aufgaben zu erfüllen. Und diese könnten verschiedener nicht sein.

Im Grunde ist der spirituelle Pfad der Wille selbst zu wachsen und zu reifen. Der Wille, deine persönlichen Konflikte zu lösen, und die Lasten abzulegen, die du schon lange auf deinen Schultern trägst. Und das ist möglich! Es ist der Wille, selbst Verantwortung für dein Handeln zu übernehmen und die Reise zu deinem Wesenskern anzutreten.

Jeder trägt seine eigenen Konflikte mit sich, aber bringt von Geburt an auch eigenen Potenziale mit. Die Angst sich diesen Konflikten zu stellen überschattet unsere Potenziale. Und durch die Auflösung jedes Konfliktes entfalten wir unser Potenzial immer mehr und mehr. Wir werden zu dem Wesen, was wir wahrhaftig sind.

Um unsere Potentiale zu leben, müssen wir nicht von Workshop zu Workshop rennen, keine Koffer packen und in kein Flugzeug steigen. Wir müssen nur die ehrliche Absicht haben, dass wir bereit sind jegliche Filter abzulegen, um unser Selbst zu erkennen. Ja ist so simpel wie es klingt: Wir müssen lediglich die Grenzen überschreiten, die wir uns selbst gesetzt haben.

Und dann verspreche ich dir, wirst du nicht nur eine Erleuchtung haben, sondern sehr, sehr viele.

Wenn du auf Reisen gehst, lern die Kulturen verschiedenster Völker kennen, werde zum Anthropologen, aber setze dir nicht die Begrenzung, erst durch deine Reise ein spirituelles Wesen zu werden. Denn, Spoiler-Alarm: Du bist bereits eins. Und Mutter Erde bietet die wundervolle Schönheit ihrer Natur an jedem Ort. Auch an dem du genau jetzt bist. Die Magie liegt lediglich darin, die Vollkommenheit in ihr zu erkennen. Ob in einem verwelkenden Blatt, das in den Kreislauf der Natur zurückgeführt wird und Nährboden, für neue Pflanzen bietet – oder in einer aufgehenden Knospe, die im Morgentau glänzt.

Spiritualität ist kein Wettkampf, es ist der aufrichtige Pfad sich seinen dunklen Themen zu stellen und jede Situation im Leben als Möglichkeit zu sehen, um zu wachsen. Am großen Apollon-Tempel in Delphi stand geschrieben: „Erkenne dich selbst“. Und das kann man letztlich nur an einem Ort: Bei sich selbst.


Wenn auch du auf einem Weg der Selbsterkenntnis bist, Fragen haben solltest oder dich nach Impulsen sehnst, um Entscheidungen zu treffen, dann freue ich mich dir dabei zu helfen!

Ich wünsche Dir alles, alles gute auf deinem weiteren Weg.

Mit Liebe, Marian.